Simulation von Reitunfällen und Praxis Test von Airbagwesten 

Ein Langzeitziel der Aktivität unserer AG stellt die Verbesserung der Effektivität von Schutzkleidung im Reitsport dar.

 

Wir haben uns intensiv mit der Schutzwirkung von Reithelmen beschäftigt. Dabei konnten wichtige Erkenntnisse gewonnen werden. Vor allem wird klar, daß auch der beste Helm auch der neuesten Norm die Verletzung des gestürzten Reiters nicht auf jeden Fall zuverlässig verhindern kann:

Helme wirken nur bei sagittaler Einwirkung von Kräften. Dabei können die Helme die einwirkenden Kräfte dämpfen und die Schäden am Hirn verringern. Rotationskräfte, die aber wichtige Scherkräfte auf das Hirn erzeugen, können durch Helme sogar verstärkt werden, denn der Durchmesser des Kopfes mit Helm ist größer als ohne Helm, also der Rotationsimpuls größer.


Die Prüfung der der Schutzfunktion von Schutzwesten im Reitsport erfolgte im Rahmen von ingenieurstechnischen Untersuchungen an unabhängigen Prüfinstituten zB der ETH Zürich durch eine Masterarbeit von Frau Nicole Ade. Es zeigte sich hier, daß Airbagwesten

  • sich im Rahmen von 200ms insufflieren (Aktivierungszeit und Befüllung)
  • einen Schutz erreichen wie statische BETA 3 Westen

(Jede der 5 Airbag-Westen konnte bei entsprechendem Luftdruck die Anforderungen der Schutzklassen 1-3 nach EN 13158 erfüllen)

  • eine Auslösekraft von 150-590 N haben

 

Derzeit werden ausschließlich die Materialeigenschaften von Schutzwesten (z. B. die Resistenz gegenüber eines Schlages) getestet. Es wurden allerdings bisher keinerlei Untersuchungen durchgeführt, in denen die Effektivität von Schutzwesten in realen Unfallsitation (wie z. B. einem Sturz von einem Pferd) geprüft wurde.

 

Wir haben dazu eine Fragebogenaktion durchgeführt und dabei nach Eingang von 300 Fragebögen über Stürze mit Airbagwesten festgestellt, daß Airbagwesten einen sehr guten Schutz gegen sturzbedingte Verletzungen des Brustkorbs und des Oberbauchs leisten. Mehr als 95% der Nutzer haben nach einem Sturz die Weste weiterempfohlen. Es kam nur in sehr wenigen Fällen zu einer Fehlauslösung durch unbegründeter Auslösung oder fehlerhafter Nichtauslösung bei Sturz. Das Unfallpferd oder in der Nähe befindliche Pferde sind durch die Gas-Insufflation fast nicht gestört. (Es handelt sich nicht um eine Explosion)

 

Wir haben mit der FN in 2007 und 2015 in Warendorf einen Praxistest von Airbagwesten durchgeführt und dabei festgestellt:

Airbagwesten schützen sehr gut gegen Kräfte, die bei einem Sturz auf den Thorax und den Oberbauch einwirken. Je nach Bauart der Westen können diese das Abrollen des Reiters erleichtern oder sogar behindern. Auch die Druckwirkung der Weste nach Insufflation ausgelöst durch den Sturz ist unterschiedlich je nach Bauart. Der aufgebaute Druck kann bei bestimmten Westen zu zT erheblichen Atemstörungen führen, zusätzlich zu der schon vom Sturz erzeugten Atemnot. Wichtig wird in diesem Zusammenhang der Verschluß der Weste, der ein schnelles Öffnen der Weste ermöglicht. Am zuverlässigsten sind hier Clipverschlüsse, die auch für Rettungsteams nachvollziehbar leicht zu öffnen sind.

 

Wichtig sind auch die Vorrichtungen an der Weste zur Verhinderung von HWS-Verletzungen. Hier können bestimmte luftgefüllte Krägen zu einer sicheren Stabilisierung führen.

 

Ein erfreulicherweise in der Praxis seltenes Problem ist die Fehlauslösung der Westen. Tatsächlich werden alle Westen durch ein am Sattel fixiertes Kabel ausgelöst, das über ein Ventil den Ausstrom des CO2 Gases aus der Patrone in die Gasschläuche der Weste freigibt. In besonderen Situationen, zB durch eine kritische Reitsituation über dem Sattel kann ohne Sturz das Ventil auslösen und die Weste insuffliert werden, wobei sofort das Reiten massiv behindert wird. 

 

Auf der anderen Seite kann auch ein Sturz vorkommen, bei dem die Weste nicht auslöst, weil der Reiter im Sattel des stürzenden Pferdes bleibt, zB bei einem Überschlagsturz (slow rotational fall), der folgenschwersten Sturzform im Turniersport.

 

Diese beiden Problemsituationen von Airbagwesten können in Zukunft nur durch eine zusätzliche elektronische Auslösung gemeistert werden durch zB Lagesensoren, wie sie zB unsere Smartphones haben. Diese Lösung ist in Arbeit.