Ausbildung von Notärzten und Rettungspersonal für den Reitsport

Unser großes Ziel und Gründungsauftrag heißt Verbesserung der Reitsicherheit. Dazu dienen zunächst Analysen der Risikobereiche. Dazu haben wir viele Studien durchgeführt und publiziert. Besondere Aspekte haben sich bei Huftrittverletzungen, Bissverletzungen und Kopfverletzungen ergeben. Für nähere Informationen empfehlen wir einen Blick in unsere Publikationen

Aus der Risikoanalyse ergab sich der Schluß, dass zur Reduzierung der Unfallfolgen bei Reitunfällen einige Faktoren dienen können. Dazu gehören:

 

  • Horsemanship, d.h. pferdebewußtes Reiten
  • persönliche körperliche Fitness des Reiters
  • Gute Reitausbildung durch Reitlehrer
  • Gelassenes Pferd je nach Ausbildungsstand
  • Ruhige kontrollierte Reitumgebung (Halle, Gelände)
  • Sicherheitsausstattung
  1. Reithelm
  2. Sicherheitsweste
  3. Reitstiefel
  4. Sicherheits-Steigbügel

 

Trotz Befolgung aller genannten Faktoren können Unfälle im Reitsport passieren und auch zu Verletzungen führen. Um die Verletzungsfolgen zu minimieren, hat sich die AG Reitsicherheit in Zusammenarbeit mit dem Club Deutscher Vielseitigkeitsreiter (CdV) entschlossen, Notärzte auszubilden, damit sie den besonderen Anforderungen im Reitsport genügen. Natürlich ist das besonders wichtig bei gefahrenträchtigen Reitdisziplinen, wie sie zB die Vielseitigkeit (Military) darstellt. Daher auch die gemeinsamen Interessen in der Aufbildungs-Initiative. Aber auch Jagdreiten ist eine gefahrenträchtige Reitdisziplin. Daher haben wir auch hier einen Schwerpunkt unserer persönlichen Präventions-Massnahmen gelegt.

 

Für die Erstversorgung von Unfallopfern haben sich das Rettungspersonal, die Rettungswege und -Institutionen in Deutschland bewährt. Ärzte und Rettungspersonal können grundsätzlich bei allen Arbeits-, Freizeit und Verkehrsunfällen eine erfolgreiche präklinische Versorgung sicherstellen. Bei Reitunfällen kommt es aber zu einer Vielzahl von außergewöhnlichen Situationen und damit speziellen Anforderungen an den Rettungsdienst:

Vor allem findet der Unfall immer im Zusammenhang mit einem Pferd statt. Dieses kann einerseits mit seinem Verhalten für den Unfall bzw. den Sturz des Reiters mit verantwortlich sein. Das Pferd kann aber auch sekundär den gestürzten Reiter durch seinen Körper oder Teile (Huf, Kopf etc) verletzen. Und das Pferd kann allein aufgrund seiner Präsenz ein Risiko für den Verletzten aber auch für die Helfer darstellen. Das Pferd kann aber auch, und das ist eine große Differenz zu allen übrigen Unfallarten, den Unfallort einfach verlassen. Es ergeben sich grundsätzlich bei einem Reitunfall nie Rückschlüsse über den Unfallmechanismus aus dem „Unfallfahrzeug", da es sich immer um einen dynamischen Prozess handelt. Die zentralen Fragen lauten dann:

  • Ist der Reiter vom Pferd gestürzt
  • Ist der Reiter mit dem Pferd gestürzt
  • Hat das Pferd den Reiter im oder nach dem Sturz berührt/verletzt
  • Kann das oder ein anderes Pferd noch in die Szene laufen

 

Erst wenn die letzte Frage beantwortet ist, was meist erst nach Anhalten der Veranstaltung sicher der Fall ist, kann sich der Retter zum Unfallopfer begeben und unter Beantwortung der anderen Fragen zur Anamnese und nach Sichtung der Lage mit der Untersuchung des Patienten nach dem ABCDE-Schema beginnen. Noch andere Besonderheiten müssen bei einer Reitveranstaltung bedacht werden: So kann es durchaus auch zu einem Ertrinkungsfall kommen, wenn der Reiter in einen Wassergraben oder einen Teich fällt. 

 

Spezielle Verletzungsformen können sich aufgrund der möglichen Sturzmechanismen bei Reitverletzungen häufiger finden: Hierzu gehören die Verletzungen der oberen Extremitäten und der Schulterregion, die zu den primären Kontaktregion gehören. So finden sich sehr oft Handgelenks- und Ellenbogenverletzungen sowie ACG-Sprengungen. Eine weitere Aufprallregion ist der Kopf, der mit oder ohne Helmschutz vor allem intracerebrale Läsionen erleidet, angefangen bei der Concussion (konkreter als Gehirnerschütterung) über lebensbedrohliche intracerebrale Blutungen. Hier ist zu beachten, dass die Verwendung eines Reithelms ein auch schwerstes Schädelhirntrauma nicht ausschließt, schützen die Helme doch nur bei sagittalen Mechanismen, rotatorische Impulse können sogar eher verstärkt werden.

Eine weitere Spezialität stellen die diversen Wirbelverletzungen dar, da Reitstürze oft auf dem Kopf oder auf dem Gesäß landen, wodurch es zu rasanten Stauchungsverletzungen mit der Folge von Wirbelkörper-Kompressionsfrakturen kommen kann. Im Halswirbelbereich aber auch in den caudaleren Segmenten können die knöchernen Verletzungen auch mit neurologischen Schäden gekoppelt sein. 

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Überrollmechanismus der gestürzten Reiter durch das Pferd. Diese reitspezifischen Verletzungen kommen vor allem durch Kontakt der Pferdebeine mit einem Hindernis zustande, wie sie bei der Vielseitigkeit und beim Jagdreiten alltäglich sind. Retter können diesen sehr gefährlichen Mechanismus vor Ort meist nicht mit dem Auge erkennen, weil das Pferd sich fast immer vom Unfallort entfernt hat. Aber vermuten kann der Geschulte solche Mechanismen, wenn er hinter einem Hindernis einen Reiter am Boden sieht. Als gefährlichste Unfallfolge muß hier an massive Blutungen gedacht werden, die durch abdominelle stumpfe Verletzungen mit Milz- oder Leberzerreißungen sowie durch instabile Beckenverletzungen zustande kommen. Diese zT in kürzester Zeit lebensbedrohlichen Unfallfolgen sind selbst bei körperlicher Untersuchung nicht sicher auszuschließen, erfordern aber eine klare und gezielte wiederholte Diagnostik. Bei Verdacht muß auf jeden Fall die Beckenschlinge zur Anwendung kommen, die für Reitveranstaltungen im Rettungsrucksack verfügbar sein muß.

 

Ein weiterer Kernpunkt bei Reitverletzungen sind mit oder ohne Beteiligung des Pferdes Thoraxverletzungen Diese begleiten in vielen Fällen die schweren und gefährlichsten Reitunfälle. Denn durch die Thoraxverletzung kann die Sauerstoffversorgung und damit der Gesamtzustand des Patienten kritisch werden. Hier spielen dann Rippenserienfrakturen mit Pneumothorax oder Hämatothorax die entscheidende Rolle. Wie die meisten gefährlichen reiterlichen Verletzungen sind auch die Thoraxverletzungen nicht einfach durch Inspektion zu erkennen. 

 

Es muß daher neben den offensichtlichen Extremitätenverletzungen und ggf. einem SHT nach den übrigen hier genannten Verletzungen, die für Reiterstürze typisch sind, aktiv gesucht werden.

 

Diese Kenntnisse und Fähigkeiten zur notfallmedizinschen Versorgung von Reitern vermitteln wir  in einem schon mehrfach erfolgreich durchgeführten Kurskonzept für Notärzte und Rettungspersonal. 

 

Es handelt sich um Ein-Tages-Kurse, die wir am Rand von Vielseitigkeits- veranstaltungen mit Theorie und Praxis durchführen. Für die Übungen an Hindernissen und im Gelände können daher die für die Veranstaltung aufgebauten Hindernisse verwendet werden. Zudem kann den Kursteilnehmern hier auch die Stimmung während einer Veranstaltung vermittelt werden, Pferde, Natur, Spannung. Aber auch die Abgeschiedenheit, wo man eben in der Phase der Erstversorgung meist mit dem Rettungsteam auf sich gestellt ist, kilometerweite Fahrten oder Flüge zum nächsten Krankenhaus und... keinen Handyempfang hat. Damit umzugehen, ist Aufgabe des Kurses.

 

Als Referenten haben sich erfahrene Notfallmediziner unserer Arbeitsgruppe bewährt, die bereits seit Anbeginn der Kurse dabei sind und den Aufbau und die Struktur der Kurse gestaltet haben. 

 

  • Dr. P. Dissmann, bereits in England aktiv in notärztlicher Versorgung von Reitern 
  • Prof N.M. Meenen, Unfallchirurg und Mitgründer AG Reitsicherheit, Medizinischer Sicherheitsberater der FN
  • Dr. C. Schröter jahrelang Leiter der Luftrettung der Uni Hannover
  • Dr. M. Giensch als Mannschaftsarzt des Dt. Teams der FN und DOK
  • Nicole Sollorz als Vorsitzende des CdV und Mitinitiatorin der Kurse

 

Anmeldungen erfolgen immer über die homepage der Ärzte im Reitsport des CdV.